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Die deutschen Siedlungsbauten im Werk von Richard J. Neutra

Die BEWOBAU-Siedlungen in Mörfelden- Walldorf, Quickborn und Georgenborn

Richard J. Neutra Schon während seines Studiums an der Technischen Hochschule Wien pflegt Richard Neutra Kontakt mit Otto Wagner, Adolf Loos und Rudolf Schindler, die seine Sicht auf Architektur und die amerikanische Kultur prägen. 1923 wandert Richard Neutra nach New York aus, siedelt im darauf folgenden Jahr nach Chicago über und macht die Bekanntschaft von Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright. Mit seinen Büchern „Wie baut Amerika?“ von 1927 und „Amerika. Die Stilbildung des Neuen Bauens in den Vereinigten Staaten“ dokumentiert er ausführlich die technischen Entwicklungen des industriellen Bauens für das deutsche Fachpublikum und präsentiert zugleich seine eignen Entwürfe für eine „Rush City Reformed“, ein Idealstadtprojekt im Sinne von Mobilität und Geschwindigkeit. Mit dem „Health House“ für den Arzt Phillip Lovell kann er 1929 seine Idee der gesunden Architektur erstmals in die Realität umsetzen. Neben großzügigen Bungalows plant er auch städtische Arbeitersiedlungen, wie Channel Heights in San- Pedro, CA 1942. Nach dem Krieg beginnt er, seine Lehr- und Publikationstätigkeit stetig auszubauen. Seine Reisen führen ihn häufig nach Europa, bis er 1966 zurück nach Wien übersiedelt. 1970 stirbt Neutra bei einer seiner Vortragsreisen in Wuppertal an einem Herzinfarkt.Die Siedlungen1960 beauftragt die BEWOBAU, eine Hamburger Wohnungsbaugesellschaft, Richard Neutra mit der Planung mehrerer Siedlungsprojekte in Deutschland. In Walldorf bei Frankfurt/Main und in Quickborn bei Hamburg entstehen so ein- bzw. zweigeschossige Einzel- und Doppelhäuser als neun verschiedene Typenhäuser.Beide Neubaugebiete liegen inihrer Entstehungszeit im Grünen und sind dennoch jeweilsverkehrsgünstig an die benachbarte Großstadt angeschlossen.In Quickborn übernimmt derHamburger Landschaftsarchitekt Gustav Lüttge die Gestaltung des Außenraums, dessenAnsätze sich auch in Walldorfwiderspiegeln. Neutra lotet in den Siedlungen die Aspekte der Verdichtung bei gleichzeitig hochwertiger und standartisierter Gestaltung, wie auch größtmögliche Privatsphäre der Wohnungen im Siedlungskontext aus. Die Gärten umschließen die Häuser allseitig und bilden die optische Erweiterung der Innenräume. Großzügige Wohn-Essbereiche, die nur durch Wandscheiben gefasst in den Außenraum fließen, kontrastieren kompakte Schlafbereiche mit integrierten Wandschränken. Hochwertige Materialien bestimmen das Erscheinungsbild. Aufgrund der hohen Kosten verkaufen sich die Häuser jedoch nur schleppend, sodass spätere Bauabschnitte nicht realisiert werden. Trotz großen Engagement Neutras wird die Zusammenarbeit für eine weitere Siedlung in Georgenborn bei Wiesbaden eingestellt. ForschungsfrageDie durch Neutra postulierten Ansprüche an nachhaltige Architektur in Sinne des Biorealismus, sollen anhand seiner Veröffentlichungen und ihrer Umsetzung in seinen deutschen Siedlungsbauten überprüft werden. Kann die Tragkraft seiner theoretischen Ansätze auch anhand der Siedlungsbauten, die außerhalb seines zentralen Tätigkeitsfeldes liegen, nachgewiesen werden? Worin gleichen oder unterscheiden sich Neutras deutsche Siedlungsbauten im Vergleich mit seinen amerikanischen, wie z.B. Channel Heights – eine 1942 errichteten Arbeitersiedlung ? Dabei muss der Einfluss des Auftraggebers ebenso in Betracht gezogen werden, wie die allgemein sozio-kulturelle Struktur der jeweiligen Entstehungszeit, als auch die spezifischen lokalen Einflüsse der unterschiedlichen Baugebiete. Nach bisherigen Recherchen zeichnet sich trotz schwieriger Datenlage ein erstes, durchaus ambivalentes Verhältnis Neutras zu den Siedlungsbauten in Kooperation mit der BEWOBAU ab, das durch die Sparmaßnahmen des Bauträgers geprägt wird. Gleichwohl zeigt sich auch in Neutras grundsätzlicher Arbeitsweise eine Faszination für Standardisierung und kostengünstige Bauweisen, die sich unter anderem in seinen katalogartigen Detail-Lösungen im Büroalltag niederschlagen. Neutras Anspruch eine lebenslange Bindung der Bewohner an ihre Häuser durch ein großes Maß an Flexibilität und nutzerorientierte Planung zu generieren, führt zu einem Konzept der planerischen Permanenz, das einen elementaren Baustein in den aktuellen Debatten um Nachhaltige Architektur bildet.